Zwischen Feueralarm und Vanillepudding: Wenn Schüler über sich hinauswachsen.

Ein Besuch zum LdE-Projekt der 9. Klasse vom Georg-Herwegh-Gymnasium 

Was passiert, wenn fünf Jungs aus einer Klasse, der man oft nicht viel zutraut, das Klassenzimmer gegen ein Senior:innenwohnheim tauschen? Ich habe eine Gruppe von fünf Schülern am Ende ihres ersten Praxistages im Rahmen von „Lernen durch Engagement“ (LdE) im Franz-Jordan-Stift in Waidmannslust besucht. Was ich dort erlebte, war ein beeindruckendes Plädoyer für Vertrauen und echte Aufgaben.

Ein turbulenter Start

Der Tag begann mit einer wichtigen Einführung durch die Sozialarbeiterin der Einrichtung. Das Thema: Demenz. Um Berührungsängste abzubauen, lernten die Schüler, was es bedeutet, wenn die Erinnerungen verblassen und wie man dennoch eine Verbindung zu den Bewohner:innen aufbauen kann.

Doch bevor der Alltag einkehren konnte, wurde es laut: Feueralarm! Statt Gymnastik hieß es erst einmal Evakuierung. Zwei Einsatzfahrzeuge rückten an, Aufregung lag in der Luft. Die Erleichterung folgte schnell – der Übeltäter war kein Feuer, sondern heißer Duschdampf. Eine erste Lektion in Sachen Ruhe bewahren gab es gratis dazu.

Die „Käse-Pudding-Challenge“: Souveränität im Kleinen

Besonders eine Geschichte aus der gemeinsamen Reflexionsrunde am Nachmittag ist mir im Gedächtnis geblieben. Ein Schüler erzählte sichtlich bewegt von seinem Einsatz beim Mittagessen. Als er den Nachtisch verteilte, weigerte sich ein Bewohner beharrlich: „Ich will den Käse nicht essen, Käse ist kein Nachtisch!“

Obwohl es offensichtlich Pudding war, blieb der Mann bei seiner Meinung. Der Schüler reagierte instinktiv richtig: Er blieb ruhig, erklärte die Konsistenz und suchte sich, als er allein nicht weiterkam, Unterstützung beim Fachpersonal. Gemeinsam überzeugten sie den Bewohner, einen Löffel zu probieren – mit Erfolg.

Dass der Schüler in diesem Moment seine eigenen Grenzen erkannte und sich professionelle Hilfe holte, statt frustriert aufzugeben, war eine reife Leistung. Er hat genau das getan, was gute Teamarbeit ausmacht.

„Wir sind froh, dass sie da sind“

Das schönste Feedback kam jedoch von der Sozialarbeiterin der Einrichtung. Im Gespräch unter vier Augen schwärmte sie von der Gruppe:

„Alle Betreuer:innen sind wahnsinnig froh über den Einsatz der Jungs. Sie sind respektvoll, offen und packen dort an, wo sie gebraucht werden.“

Das ist besonders bemerkenswert, da diese Schüler an ihrer Schule oft mit dem Stempel „leistungsschwach“ zu kämpfen haben. Hier, im Franz-Jordan-Stift, zeigten sie eine ganz andere Form von Stärke: soziale Intelligenz, Verantwortungsbewusstsein und Empathie. Ein Satz eines Schülers brachte die Motivation der Gruppe auf den Punkt:

„Das hier mache ich viel lieber als Schule!“

Vom Erzählen zum Schreiben

Diese Begeisterung für das „Tun“ zeigte sich auch in einem amüsanten Kontrast am Ende des Tages. Während die Jungs lebhaft und reflektiert über ihre Erlebnisse erzählten, wurde die Aufgabe, diese Reflexion mit 200 Wörtern für ihren Projektbericht aufzuschreiben, als die größte Hürde des Tages empfunden.

Doch der Stolz über den gemeisterten Tag überwog. Alle haben ihre Gedanken notiert und blicken nun voller Vorfreude auf den zweiten Tag. Das Highlight steht schon fest: Ein Rollstuhltraining, um noch sicherer im Umgang mit den Bewohner:innen zu werden.

Wir freuen uns mit den Jungs über diesen gelungenen Auftakt und danken dem Franz-Jordan-Stift für diese wertvolle Chance!

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